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Auch mit seinem zweiten Soloalbum “cradlesong” wird Matchbox-20-Sänger und Mainstream-Meister Rob Thomas, 36, die Welt nicht aus den Fugen rocken. Aber wer gutes Songwriting und kräftige Joints schätzt, der ist bei ihm an der richtigen Adresse.

Rob Thomas: Kein ganz Wilder

Auch mit seinem zweiten Soloalbum “cradlesong” wird Matchbox-20-Sänger und Mainstream-Meister Rob Thomas, 36, die Welt nicht aus den Fugen rocken. Aber wer gutes Songwriting und kräftige Joints schätzt, der ist bei ihm an der richtigen Adresse.

Rob, „cradlesong“ heißt „Wiegenlied“. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass Du Vater geworden bist.

Rob Thomas: Bin ich auch nicht. Zumindest nicht in letzter Zeit. Mein Sohn Maison, mit dessen Mutter ich nur sehr kurz zusammen war, ist schon elf und ein großer, cooler, wilder Junge. Meine Frau Marisol und ich, wir probieren es aber gerade. Mari litt jahrelang an einer Autoimmunkrankheit und konnte nicht schwanger werden, aber jetzt scheint sie geheilt zu sein.

Also läuft alles bestens mit euch beiden?

Rob: Es läuft wunderbar. Wir sind seit zehn Jahren zusammen und lieben uns über alles. Wieso fragst Du?

Weil ich mir angehört habe, was du singst. In ungefähr der Hälfte der neuen Lieder stellst du dich selbst, dein Leben, deine Beziehung in Frage. In „Mockingbird“ etwa singst du, dass du nicht für diese Liebe gemacht bistt, auch „Snowblind“ klingt wie ein Trennungslied.

Rob: Ich spicke meine Songs mit den Dramen, die ich selbst nicht, oder nur zum Teil, durchmache. Ich fantasiere gern, wie meine Frau, das coole Model aus New York, mich Baunerjungen aus South Carolina einfach sitzen lässt. Songwriting besteht eben nicht darin, ein sonderlich aufregendes Leben zu führen, sondern Szenen zu schaffen und diese Szenen dann in den Songs auszuarbeiten.

Und deine Frau hat Verständnis für deine Fantasien?

Ich denke, du musst wirklich ganz besonders verständnisvoll sein, wenn du mit einem Songwriter zusammen bist, weil unsereins halt über unser Leben schreibt. Sie muss wissen, dass unsere Beziehung meine Arbeit beeinflusst. Wie jetzt gerade, wo du denkst ‚Ob die beiden angesichts diverser düsterer Beziehungssongs auf dem Album wohl überhaupt noch glücklich miteinander sind“’ Das muss unsere Ehe aushalten. Aber fast alle meine Stücke haben einen wahren Kern. Einen solch intimen Song über den Tod wie „Getting late“ hätte ich sicher nicht geschrieben, wenn meine Mutter vor zwei Jahren nicht gestorben wäre.

Die erste Single „Her Diamonds“ handelt aber konkret von Marisol, oder?

Rob: Das stimmt. Das Lied handelt davon, wie ich sie während ihrer Krankheit immer wieder aufgeheitert habe, insgeheim aber manchmal ziemlich verzweifelt war. Für Maris Geschmack ist der Song allerdings etwas zu kitschig. Sie mag andere Stücke auf dem Album lieber.

Vor einem Jahr noch bist du mit Matchbox 20 noch auf großer Tour gewesen, jetzt kommt bereits dein zweites Soloalbum. Musst du nie ausruhen?

Rob: Das Schöne am Komponieren und Livespielen ist für mich: Das ist keine Arbeit. Ich würde das auch machen, wenn ich kein Geld dafür bekäme. Dann bloß für einen sehr viel kleineren Kreis.

Denkst du an all deine Hits und Erfolge wie „Smooth“, wenn du so dasitzt und komponierst?

Rob: Nein, ich denke darüber nach, was ich noch nicht erreicht habe. Ich meine, ich habe doch vielleicht noch 30 oder 40 Jahre vor mir. Und echt, wenn du mit Willie Nelson oder Mick Jagger oder Carlos Santana geschrieben hast, dann fühlst du dich als ganz kleines Licht, selbst wenn du mit deiner Band vielleicht ein paar Millionen Platten verkauft hast.

Du bist sehr beständig und seit Mitte der Neunziger erfolgreich. Was ist das Geheimnis des Rob Thomas?

Rob: Ich habe kein Geheimnis. Vielleicht hatte ich Glück, dass meine Songs nie mit einem bestimmten Trend in Verbindung gebracht wurden. Viele Kollegen haben einen oder zwei gigantische Hits oder sind Teil einer Szene. Die sind dann plötzlich sehr modern und angesagt, aber wer hip ist, der ist auch schnell wieder unhip.

Ich habe gelesen, als Teenager wärst du als Obdachloser durch Florida gereist. War das eine harte Zeit oder so ein romantisches Hippie-Leben?

Rob: Ha, „romantisches Hippie-Leben“ ist gut, das sage ich jetzt immer. Aber so war es wirklich. Meine Mutter ist superjung. Als ich 16 wurde, meinte sie auf einmal ihre Jugend nachholen zu müssen. Ich bin dann zuhause weggegangen und habe mich durchgeschlagen. Manchmal habe ich geweint, wenn Ostern war oder so und alle Freunde, die ich unterwegs kennenlernte, zu ihren Familien gingen, aber statt ins Bett habe ich mich dann halt auf die Parkbank oder in den Busbahnhof gelegt.

Seit wann hast du denn gewusst, dass du ein Songwriter bist?

Rob: Das hat sich so ergeben. Vor allem, weil ich sonst nichts kann, Songschreiben ist mein einziges Talent. Ich mache keinen Sport, habe keine Hobbies, bin ein miserabler Kellner und handwerklich bin ich ein Versager. Aber wo ich auch hinging, und was mit mir passierte – ich wusste, Songs schreiben kann ich immer und überall. Ich hatte mein kleines Keyboard dabei und habe oft nachts auf der Autobahnauffahrt komponiert, beim Trampen.

Ist das Leben als Musiker ideal, um dir die Jugend zu bewahren?

Rob: Ganz sicher. Ich habe Freunde, die Musiker sind und Freunde, die keine Musiker sind. Die Musiker sehen durch die Bank jünger aus. Mein bester Freund ist ein Werbemann, für den bin ich eine richtig wilde Sau. Für meine, ich nenne sie mal, Rockfreunde, bin ich hingegen fast schon ein Spießer. Wir leben recht ruhig, eine Autostunde außerhalb der Stadt, ich bin ein treuer, verheirateter Mann, es ist  wirklich kein Leben, das die Klatschpresse interessant fände. Ich gehe manchmal einen trinken, aber auch nicht mehr als andere Jungs. Für meine Freunde, die keine Musiker sind, lebe ich dieses wahnsinnige extreme Leben. Die nehmen an, ich wache morgens auf und stopfe mir als erstes Kokain in die Nase. Die finden mein ganzes Leben total verrückt. Schon lustig, finde ich, dieser Widerspruch. Aber ich mag das ganz gern.

Hattest du nie Drogenprobleme?

Rob: Doch, die hatte ich, und heute schäme ich mich dafür. Am Anfang mit matchbox 20, vor zehn Jahren etwa, nahm ich Kokain. Seltsamerweise war ich der einzige Mensch, der von Koks nicht abgenommen hat sondern fett wurde. Ich hatte damals 20 Kilo zugenommen.

Woran lag das?

Rob: Ich habe gekokst so wie andere Leute Bier trinken. Das heißt, ich habe sehr viel dabei gegessen, Chips und Burger und alles, was dick macht. Irgendwann hat sich dann die Mutter meiner Frau beschwert und zu ihr gesagt „Bist du sicher, dass du mit diesem Fettsack zusammen sein willst?“ Lange her.

Trifft es zu, dass dir deine Plattenfirma ein wilderes Image verpassen will?

Rob: Richtig, ja. Aber das mit meiner Koksphase stimmt wirklich, das habe ich nicht erfunden, um verwegener zu wirken. Meine Firma bat mich, dass ich  mir ein aufregenderes Privatleben leisten oder zumindest so tun sollte. Aber mein Leben ist nunmal nicht aufregend. Ich bin verheiratet mit der schönsten Frau der Welt, wir haben zwei Hunde, vielleicht irgendwann gemeinsame Kinder und arbeiten. Ich bin jemand, der gute Lieder schreibt. Das muss doch reichen..

Hat hat der bodenständige und treue Rob Thomas je die Sorte Totalabsturz erlebt, die er in „Meltdown“ beschreibt?

Rob: Du hast recht, ich bin der vielleicht langweiligste sogenannte Rockstar der Welt. Und das aus voller Überzeugung. Ich will die Menschen mit meinen Liedern erreichen und nicht mit aufgesetztem Promiquatsch. Aber so harmlos, wie du mich jetzt hinstellst, bin ich auch nicht.

Kannst du das beweisen?

Rob: Du musst nur Bob, also Kid Rock, fragen. Der Kerl ist ein Freund, und man könnte meinen, das komplette Gegenteil von mir. Und klar, Bob verträgt zehnmal mehr Whisky als ich. Aber dann habe ich uns eine Tüte gebaut, und weißt du was? Er hätte fast gekotzt.

Steffen Rüth